Zwischen den Zeilen

Von der Seite auf die Leinwand

Die Filmindustrie

Tja, Verfilmungen. Alles schön und gut, aber wie kommt es überhaupt dazu, dass ein Buch adaptiert wird? Nun, es gibt natürlich wie so oft viele Gründe, vermutlich fallen euch auch selbst noch mehr ein, als die, die ich im Folgenden aufzähle, aber wenn ihr mich fragt, spielen vor allem diese Punkte eine wesentliche Rolle.

Punkt 1: Nostalgie

Gerade bei Kinderbüchern spielt Nostalgie eine große Rolle. Dinge, mit denen man als Kind oder Teenager aufgewachsen ist, gibt man häufig an seine Kinder weiter und motiviert sie, die früheren eigenen Favoriten selbst zu lesen und zu erleben. Ich erinnere mich noch genau, wie meine Mama mir in der Grundschule die "Das Sams" Bücher von Paul Maar aufs Auge gedrückt hat. Es war gar nicht mein Ding, aber sie hat niemals aufgegeben, es zu versuchen. Bis heute habe ich nur etwa die Hälfte des ersten Bands "Eine Woche voller Samstage" gelesen (ich weiß, Schande auf mein Haupt xD).

Aber das ist nicht die einzige Weise, wie Nostalgie eine Rolle spielt. Im vorher genannten Beispiel ist von alten, vor Jahren und Jahrzehnten erschienenen Büchern die Rede. Trotzdem können auch neue Dinge Nostalgie erwecken. Dessen bedient sich vor allem Disney aktuell sehr stark durch die Realverfilmungen ihrer alten Klassiker: "Arielle, die Meerjungfrau""Lilo & Stitch" und seit Kurzem erst im Kino der neue "Vaiana" Film. Sie alle sind Homages an die alten Klassiker aus den vergangenen hundert Jahren und sprechen somit nicht nur die neue Generation an, die sie zum ersten Mal sehen, sondern auch die älteren Generationen, die ihre Kindheit erneut auf der großen Leinwand erleben können. (Wie gut die Darstellung dieser Kindheit ist, sei jetzt mal so dahin gestellt, dazu möchte ich mich hier und jetzt nicht äußern.)


Punkt 2: Popularität

Klar. Ist ein Buch bekannt, wird es sehr wahrscheinlich verfilmt. Aber wie wird ein Buch berühmt?

A) Durch den:die Autor:in

Eins der besten Beispiele hierfür ist Colleen Hoover. Sie wurde nicht an erster Stelle wegen ihrer tollen Geschichten bekannt, sondern eher wegen der Kontroversen darin. In ihren Büchern geht es sehr oft um toxische Beziehungen und Männer, die das Internet als "red flags" bezeichnet. Kurz erklärt bedeutet das auch nichts anderes als toxisch. Die flags funktionieren wie eine Art Ampelsystem um jemandes Verhalten, v.a. in Beziehungskontexten, zu bewerten. "Green flag" ist gut, "yellow flag" ist auffällig bis merkwürdig und sollte in jedem Fall als Warnsignal gesehen werden und "red flags" sind toxisch und oftmals ein sofortiger Trennungsgrund. Der wohl bekannteste Ausschnitt aus einem Colleen Hoover Buch stammt aus Kapitel 32 von "Zurück ins Leben geliebt":

"Danke für dieses schöne Baby", sagt sie von der Rückbank.
Ich lache. "Seine Schönheit hat er nur von dir, Rachel. Das Einzige, was er von mir mitbekommen hat, sind die Klöten."
Sie lacht laut. "Das glaube ich auch", sagt sie. "Sie sind riesig."
Wir lachen beide über die Riesenklöten unseres Sohnes.

Und Kontext macht diese Interaktion halt leider auch kein Stück besser, sondern viel schlimmer, denn noch im selben Kapitel stürzt die neue Familie mit dem Auto von einer Brücke in einen gefrorenen See und das Baby ERTRINKT. Es stirbt. Nachdem seine Eltern über seine Riesenklöten gelacht haben.
Kein Wunder dass das im Internet Wellen geschlagen hat.

B) Apropos, das Internet

Booktok, Bookstagram, Booktube und unzählige Blogs (hi, yes, that's me) posten ihre Lieblingsbücher, geben Rezensionen, Lese- und Kaufempfehlungen und sind sich in einer Sache besonders einig: Enemies to Lovers ist DER heiße Scheiß, vor Allem in Romantasy Büchern! Dicht gefolgt von allgemein gesprochen dem Dark Romance Genre. Und obwohl ich mit Anfang 20 eigentlich genau das Alter der Hauptzielgruppe bin, kann ich euch ehrlich nicht sagen, wieso. Ich hab einmal versehentlich ein Darm Romantasy Buch gelesen und ich sag euch, ich hab mich selten so unwohl gefühlt beim Lesen, und dabei bin ich echt eine der letzten Personen, die etwas gegen guten Spice einzuwenden haben.

Aber unabhängig von meiner persönlichen Meinung bleibt die Aussage nicht weniger wahr: Trends sind gleichbedeutend mit Popularität. Geht etwas viral, wird es berühmt. So einfach funktioniert Social Media.

C) Der Inhalt

Angeknüpft an Social Media kann eben auch der Inhalt eines Buches sehr überzeugend sein. Ich glaube, darauf muss ich nicht in aller Tiefe eingehen. Bestimmte Themen sprechen viele Lesenden an, die empfehlen es dann weiter, es wird Spiegel Bestseller, deswegen kaufen es noch mehr Menschen, es findet seinen Weg in Buchclubs, auf Blogs (again, hi) und zu Buchbesprechungen und so weiter und so fort, ihr kennt das Spiel.

Verfilmung - Jubel oder Buh-Rufe?

Bei den meisten Ankündigungen ist die Reaktion der Menschen zunächst eine positive. Das lässt sich einfach dadurch erklären, dass wir Menschen auf Stimulation aus sind. Abschalten fällt uns zunehmend schwerer, an vorderster Stelle natürlich ausgelöst durch die konstante Beschallung durch Technologie, die wir schon gar nicht mehr hinterfragen: Bildschirme überall, Autos, Flugzeuge, Ansagen am Bus- und Zugbahnhof. Stille und damit verbundenes Nichtstun sind rar geworden. Dadurch suchen wir bewusst oder unbewusst Unterhaltung, die meisten Menschen in Form von Videospielen, Musik, Kurzvideos (aka TikToks und Reels) oder - you guessed it - Filmen und Serien. 

Nicht selten hält sich diese grundlegende Freude über neues Material zur Unterhaltung nur so lange, bis die ersten Teaser und Trailer veröffentlicht werden. Ganz aktuell ist da der neue Odyssee Film, produziert von Christopher Nolan und mit Stars wie Robert Pattinson, Anne Hathaway, Tom Holland und Zendaya in den Hauptrollen. Das komplette Internet freute sich auf den Film und wurde dann bombardiert mit einer Enttäuschung nach der nächsten.

Bereits vor Premiere des Films gab es eine regelrechte Welle an Kritik allein für das Format, in dem Nolan den Film produzierte. Er wurde nämlich in 70mm IMAX gedreht und gezeigt, einem Format, dessen Technik nur 41 Kinos WELTWEIT überhaupt besitzen und somit zeigen können. In allen anderen Kinos wird der Film in den Standardformaten gezeigt, wodurch je nach Screengröße bis zu 40% (!!!) des originalen Bildmaterials verloren gehen. Passiert in den verlorenen Ausschnitten super viel? Nein. Ist es frustrierend, spielt dem Klassizismus zu (du kannst dir die teuereren 70mm IMAX Tickets, geschweige denn überhaupt zu so einem Kino zu kommen, nicht leisten, tja, dann siehst du effektiv auch weniger von dem Film) und raubt dem Großteil der Szenen ihre optische Wirkung? JA!


Eine andere Verfilmung, die vor Kurzem ihr Ende gefunden hat, sind die "Heartstopper" Bücher von Alice Osborne. Buch eins erschien 2019 auf dem deutschen Buchmarkt und schlug ein wie ein Komet. Eine cozy queere Coming of Age Romance, die direkt ins Herz ging. 2021 wurde dann bestätigt: Heartstopper kommt als Serie auf Netflix. Der Hype war groß, die Freude genauso. Bei Release wurde es sofort von TikTok verschlungen und so gut wie jeder wusste, was Heartstopper ist. Und so blieb es auch bei jeder weiteren Staffel bishin zum nun erfolgten Ende in Form eines fast zweistündigen Films.

Und während einige Fans sehr zufrieden mit dem Ende waren, das das Hauptpärchen Nick und Charlie bekommen hat, waren viele, die seit Anfang an dabei sind, enttäuscht von den Geschehnissen. Ohne zu viel spoilern zu wollen, haben sich die Handlungen und das allgemeine Verhalten der Charaktere für viele der Kritiker:innen (mich eingeschlossen) sehr unnatürlich angefühlt, dafür, wer die Charaktere ursprünglich waren und dass seitdem sie zusammen gekommen sind angeblich kaum ein Jahr vergangen sind.

Der Charlie, den wir in Staffel eins und zu Großteilen auch noch in Staffel zwei kennen und lieben, würde Nick nie dafür verurteilen, dass er nicht über seine Gefühle reden kann, und schon gar nicht würden die beiden deswegen Schluss machen. Die Nick und Charlie, die wir kennengelernt haben, würden darüber reden und Charlie würde Nick helfen, die therapeutische Hilfe zu kriegen, die er braucht, statt ihn zu verurteilen und zu beschimpfen. Und ganz böse gesagt, ist Charlie der Letzte, der jemanden dafür shamen darf, wenn die Person nicht über ihre Probleme reden kann oder will.

Fazit

Adaptionen sind in sich weder gut noch schlecht. Sie sind eine andere Art und Weise, die Geschichten noch einmal zu erleben, die wir schon kennen. Mit ein paar kreativen Twists und Änderungen durch Regisseur:innen, Schauspieler:innen und die Autor:innen selbst werden sie teils ihre eigene Version der Geschichte, möglicherweise mit anderen oder zusätzlichen Aspekten, die vorher gefehlt haben oder nicht so deutlich waren. 

Ob die ein oder andere Entscheidung dabei gut beziehungsweise nötig war, liegt in den meisten Fällen im Auge der Betrachtenden. So oder so gilt wie bei fast allem die Faustregel: Nicht jeder Person muss alles gefallen, aber jede Person darf frei entscheiden, was das ist. Stichwort Meinungsfreiheit (ist in 90% der Fällen tatsächlich was Gutes ;) ) 🐦‍⬛

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